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Rotterdamer Commedia dell’arte-Tableaus im Sommerspeisesaal der UNESCO-Welterbestätte Schloss Augustusburg in Brühl

 

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Georges Desmarées, Bildnis des Kölner Kurfürsten Clemens August als Hochmeister des Deutschen Ordens, 1746, im Kabinett des Sommerappartements von Schloss Augustusburg

 

Clemens August wurde am 17. August 1700 als vierter Sohn des bayerischen Kurfürsten Max II. Emanuel und dessen Gemahlin Therese Kunigunde, Tochter des polnischen Königs Jan III. Sobieski, in Brüssel geboren. Max II. Emanuel residierte dort als Generalstatthalter der habsburgischen Niederlande.
1723 folgte Clemens August seinem Onkel Joseph Clemens als Kurfürst und Erzbischof von Köln und gehörte zur Spitze der Reichshierarchie. Er hatte als Angehöriger des Hauses Wittelsbach zu nahezu allen Familien des europäischen Hochadels verwandtschaftliche Beziehungen.
Clemens August war leidenschaftlicher Bauherr, Jäger und Förderer der schönen Künste. Er liebte die Prachtentfaltung und Selbstdarstellung. Als Kurfürst und geistlicher Herr lud er zu regelmäßigen Lustbarkeiten.
Kurfürst Clemens August starb am 6. Februar 1761 bei einer Tanzveranstaltung auf Schloss Phillipsburg in Ehrenbreitstein, der Residenz der Erzbischöfe und Kurfürsten von Trier.

 

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François Rousseau, Maskenball im Bonner Residenztheater, 1754, Schloss Augustusburg in Brühl
Blick auf die Bühne, im Vordergrund links Kurfürst Clemens August in polnischer Tracht

 

Zum Abschluss des Karnevals feierte der kurfürstliche Hof sogenannte „Bauernhochzeiten“, bei denen sich die teilnehmenden Adligen als Bauern verkleideten und in geschmückten Wagen durch die Stadt Bonn zogen, um nach einem festlichen Souper im Schloss bis in die frühen Morgenstunden zu tanzen. Aus gedruckten Listen der teilnehmenden Personen vom 21. Februar 1730 und 17. Februar 1733 geht hervor, dass der Kurfürst sich jeweils in der Rolle des Wirtes gefiel. Was wundert es dann, wenn im Sommerspeisesaal des Schlosses Augustusburg vier Fliesentableaus von jeweils 8 x 4 Fliesen Tanzszenen und 116 Tableaus von jeweils 3 x 2 Fliesen Harlekin und Harlekine zeigen.

 

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François Rousseau, Das Indianische Haus im Brühler Schlosspark von Osten. Um 1760.
Brühl, Schloss Augustusburg

 

Im Brühler Schlosspark gab es zur Zeit des Kurfürsten Clemens August die Lusthäuser Schneckenhaus und Indianisches Haus. Der Kurfürst und sein höfisches Gefolge suchten dort Entspannung. Man ließ sich auf Kanälen in venezianischen Gondeln zu den Lusthäusern rudern.
Clemens August hatte enge Verbindungen zu Italien und speziell zu Venedig. So liebte er auch die Aufführungen der Commedia dell’arte, der Harlekin und Harlekine angehörten, von denen jeweils 58 Fliesentableaus im Sommerspeisesaal zu finden sind.

 

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Harlekin (Arlecchino, Arlequin)     Harlekine (Arlecchina, Arlequine)

 

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Linke Seite der Nordwand mit Commedia dell’arte-Tableaus

 

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Nordwand mit den Commedia dell’arte-Tableaus 1 - 40

 

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Gruppenbild einer italienischen Commedia-Truppe im Frankreich des 18. Jh.
Mart. Engelbrecht excud.A.V.

 

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Vergrößerungen aus dem Gruppenbild einer italienischen Commedia-Truppe (07)

 

Die Commedia dell’arte ist eine berühmte Form der italienischen Volkskomödie. Ihre Figuren und Masken sowie das Handlungsgerüst stehen zwar fest, aber ein wesentlicher Bestandteil ist auch die Improvisation.
Ursprünglich wurde die Commedia dell'arte durch Wandergruppen gespielt. Sie wandten sich mit ihrem Spiel in erster Linie an das einfache Volk, waren aber auch bei höfischen Festen gern gesehene Gäste.

 

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Harlekin (Arlecchino, Arlequin)

 

Harlekin (Arlecchino, Arlequin) ist die Figur, die sich auf der Bühne alles herausnehmen darf. Typisch für ihn sind seine naive Fröhlichkeit und seine Verfressenheit. Manchmal dient er sogar zwei Herren gleichzeitig, damit er mehr Essen bekommt, was zu meist lustigen Verstrickungen führt. Mit seiner ironischen Art ist er die Stimme des einfachen Volkes. Harlekin wird mit einer lustigen Maske und dazu noch mit einem Hut dargestellt. Seine Bekleidung besteht aus bunten Flicken oder aus einem rhombenförmig gemusterten Kostüm. Aus der Figur des Arlecchino entwickelte sich mit der Zeit der typische, naive Spaßmacher, wie man ihn heutzutage vor allem als Kasper/le aus dem Puppentheater kennt.
Die Harlekine (Arlecchina, Arlequine) ist sein Pendant.

 

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Harlekine (Arlecchine, Arlequine)

 

 

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Ostwand mit den Commedia dell’arte-Tableaus 41 - 82

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Südwand mit den Commedia dell’arte-Tableaus 83 - 116

 

Die Tableaus mit den Harlekinen sind kaum unterschiedlich in der Darstellung.
Den tanzenden Harlekin gibt es im Sommerspeisesaal dagegen in mehreren Variationen.

 

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Die Fliesentableaus im Sommerspeisesaal von Schloss Augustusburg waren keine Auftragsarbeiten nach Vorlagen vom Hofe, sondern Lagerware.
Dies bedeutet, dass neben den Commedia dell’arte-Tableaus im Sommerspeisesaal auch ähnliche zum Beispiel in Sammlungen zu finden sind.
Mir sind Harlekin und Harlekine auch in der Sammlung der Musée Royaux d’Art et d’Histoires, Bruxelles in blauer Bemalung bekannt.

 

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Arlequin, Musée Royaux d’Art et d’Histoires, Bruxelles

 

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Arlequine, Musée Royaux d’Art et d’Histoires, Bruxelles

 

Es gibt bei den Commedia dell’arte-Tableaus im Sommerspeisesaal eine Besonderheit. Auf mehreren Tableaus sind Fingerabdrücke von Malern zu sehen.

 

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Fingerabdruck im Bereich der Oberkante

 

Bei Arbeiten im Jahr 2003 wurden die Fliesen der Commedia dell’arte-Tableaus von Herrn Restaurator Klaus-Peter Dyroff und seinen Mitarbeitern vorder- und rückseitig fotokopiert. Das waren 116 x 6 x 2 = 1.392 Fotokopien, die jetzt bei der Schlossverwaltung archiviert sind.

Auch die Fliesen der Commedia-Tableaus wurden von den Rotterdamer Fliesenmalern auf den Scherben mit Buchstaben und Ziffern gekennzeichnet. Wenn bei den Blumenstücken und den Genretableaus im Sommerspeisesaal die Buchstaben immer links oben und die Ziffern links unten aufgemalt wurden, gibt es bei den Commedia-Tableaus verschiedene Varianten. Die meisten Markierungen finden sich links oben und links unten. Es gibt aber auch die folgen Kennzeichnungen: Buchstabe mittig oben mit Ziffer mittig unten und Buchstabe rechts oben und Ziffer rechts unten.

 

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Markierungen auf Rückseiten von Fliesen aus Commedia-Tableaus

 

Vor allem wegen der Vorlagen für Blumenstücke aus dem Sommerspeisesaal im Gemeentearchief Rotterdam schreibe ich auch die  Commedia-Stücke der Werkstatt am Schiedamsedijk / Leuvehaven der Familie Aalmis mit dem Aushangzeichen des ‚Bloempot’ zu.

 

Bibliographie
Hansmann, Wilfried und Joliet, Wilhelm: Graphische Vorlagen und Durchstaubschablonen für die Fliesen des Sommerspeisesaals von Schloss Augustusburg in Brühl, In: Jahrbuch der Rheinischen Denkmalpflege Bd. 33, Köln/Kevelaer 1989, S. 173 bis 192.
Joliet, Wilhelm: Die Geschichte der Fliese, Köln 1996.
Joliet, Wilhelm: Tegels voor de keurvorst
in: Ingrid de Jager en Nora Schadee, Tegels uit Rotterdam,
Rotterdam 2009

Bildnachweis
Wilhelm Joliet
01-03, 05-08, 11-12, 21-22, 25-27
Silvia M. Wolf, LVR-Amt für Denkmalpflege im Rheinland
04, 09-10, 13-20, 23

 

http://www.geschichte-der-fliese.de
http://www.schlossbruehl.de
http://www.denkmalpflege.lvr.de
http://www.hmr.rotterdam.nl
http://www.gemeentearchief.rotterdam.nl
http://www.mosaikkunst.de